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| Dr. Andreas Knaut

Das Elysium des „Ich“ – Bürgers

Das Elysium des „Ich“ – Bürgers

Die Bundesregierung hat die Bürger nach ihrer Vorstellung von einem „guten Leben“ gefragt. Und diese nahmen den Ball gerne auf. Viele wünschten sich „Frieden“, dann die Höhe des eigenen Einkommens und dessen gerechte Verteilung, persönliche Gestaltungsfreiheit, Wohnraum zu bezahlbaren Preisen“ etc. Soweit, so erwartbar.

Erwartbar auch die jubelnde Reaktion des Fragestellenden, der den jetzt vorliegenden Auswertungsband gleich zum „Kompass für eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, die über das Bruttoinlandsprodukt hinausblickt“ (Bundesumweltministerin Barbara Hendricks) hochjazzte. Bundekanzlerin Angela Merkel verhalf er sogar zu der Erkenntnis, „wie sich Bürger ihr Leben vorstellen.“

Abgesehen davon, dass man sich fragt, warum es erst einer solchen Untersuchung bedurfte, daß die große Koalition weiß, was die Bürger wollen? Hatten die vorher gar keine Ahnung? Was natürlich die eine oder andere Entscheidung dieser unserer Regierung erklärt.

Abgesehen davon, dass solche Umfragen immer in ein wildes „WünschDirwas“-Mikado ausarten. Hey, es ist Weihnachten, und der Bürger kann mal so richtig in die Vollen gehen, ohne gleich wieder zahlen zu müssen.

ntsprechend sollten solche Antworten gewertet werden. Wie man aus dieser Mischung aus Sozialerwartung und Erschrecken über den täglichen Tagesschau-Horror eine langfristige politische Strategie ableiten will, bleibt daher das Geheimnis der Bundesumweltministerin. Aber das tut sie ja auch nicht wirklich. Der Bürger benötigt zum „guten Leben“ bezahlbaren Wohnraum? Kein Problem, flux kündigt Frau Hendricks ein Wohnprogramm an. Ende der langfristigen Orientierung.

Wirklich beunruhigend ist aber etwas Anderes: Nämlich die Attitüde der Befragten selbst. Kein Gemeinsinn, nirgendwo. Eigene Pflichten: null, Eigenverantwortung: null, Ansprüche: total. Die Ergebnisse präsentieren den „Otto-Katalog“ des Schlaraffenlandes, sie zeichnen das Elysium des „Ich-Bürgers“, sie kreieren das Rundrum-Sorglos-Paket des „Vollkasko“-Deutschen.

„Ich“ ist das Schlüsselwort der Stunde. Schlimm, dass kein Bürger unter „guten Leben“ mehr Einsatz für das Gemeinsame versteht, die Entwicklung von mehr Gemeinsinn, die Beteiligung an gemeinsamer Arbeit für die „gute Zukunft“.

Mehr „Gerechtigkeit“? Das bedeutet doch nur, dass der andere bitte schön nicht mehr bekommt als ich. Frieden? Es soll endlich wieder Ruhe im Nahen Osten einkehren, damit wir wieder entspannt im Oktoberfest feiern können. Nicht von Ungefähr geniessen diktatorische Schlächter und Terrorpaten wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi heute bei vielen ihre Rehabilitierung als „Stabilitätsanker“.

Aristoteles hätte unter einem „guten Leben“ wahrlich etwas Anderes verstanden. Aber der deutsche Bürger, der in Posts und Leserbriefen immer so gerne den „Neoliberalismus“ besiegt, zeigt sich längst als dessen gelehriger Schüler. Er fordert vom Staat nichts weniger als Full-Service bei der Organisation des Paradieses,ein gutes Konsum-Gewissen inklusive. Ansonsten kann uns das Gemeinwesen mal.

Der Gesellschaftsvertrag, so scheint es, ist längst gekündigt. Doch es ist nicht der Staat, der seinen Part nicht erfüllt.

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