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| Die Deutschen wollen, dass die Nachfolger es besser machen - glauben aber nicht daran

Das Vermächtnis der Deutschen

Das Vermächtnis der Deutschen

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung – das Sprichwort kennzeichnet das Fazit der „Vermächtnisstudie der Deutschen“, die die Zeit, das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH, Bonn und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) präsentieren. Die Deutschen wünschen sich zwar, dass die nachfolgende Generation es besser machen möge. Aber sie zweifeln, dass diese es auch bringt.

Dahinter steckt die Selbsterkenntnis, dass jeder heute schon „besser“ handeln könnte, als er es wirklich tut. Das  persönliche „Versagen“ im Alltag wird auf die kommende Generation projeziert. Warum sollte diese anders sein?

Beispiel Nahrungsmittel: Schon heute achtet eine knappe Minderheit (43%) auf die Herkunft des Essens. Mehr als 70 Prozent aber empfehlen dieses Verhalten der nachfolgenden Generation. Dass diese dem Ratschlag auch tatsächlich folgen wird, daran glauben nur 21 Prozent.

Beispiel Medizinisches Gesundheitssystem: Besserverdienende nutzen heute ihre Möglichkeiten und ermöglichen sich eine bessere medizinische Grundversorgung (69%). Aber nur eine Minderheit von ihnen (22%) rät den Erben, dieses Privileg zu halten, weit mehr plädieren für Verzicht und ein einkommenunabhängiges Gesundheitssystem. Die Nachfolger – eine Generation von Altruisten? Wenih wahrscheinlich, schätzen dann  72 Prozent.

Beispiel Kinder: 78 Prozent finden es heute wichtig, Kinder zu haben und fast genauso viele wünschen sich den Kinderwunsch auch von den Nachfolgern (75%). Wobei auffällt, dass es gerade Männer sind, die Nachwuchs dringend empfehlen. Frauen sind weniger enthusiastisch: Sie finden zwar heute Kinder wichtig (82%), empfehlen aber deutlich weniger emphatisch  (74%). Familienplaner sollten hier genau hinhören. Dazu kommt: Nur ein knappes Viertel (23%) glaubt, dass unsere Gesellschaft ernsthaft kinderfreundlich wird.

Beispiel Internet: Nur 21 Prozent befürworten, dass Kinder heute früh an das Internet herangeführt werden und nur 22 Prozent empfehlen das für die Zukunft. Aber 62% gehen davon aus, dass die Kids in naher Zukunft natürlich sehr schnell mit dem Medium vertraut werden. Als größte Skeptiker erweisen sich ausgerechnet die Jüngsten und Jungen, also diejenigen, die bereits mit dem Netz aufgewachsen sind. Sie würden mehrheitlich die Kinder von morgen von dem Medium fernhalten.

Beispiel Aufbruchstimmung: Kanpp die Hälfte findet es wichtig, etwas Neues zu beginnen (48%), das würden sie mehrheitlich (65%) auch den Nachfolgern empfehlen. Aber nur 35% glauben, dass es künftig tatsächlich wichtig sein wird, etwas Neues zu beginnen.

Beispiel „Wir-Gefühl“: Natürlich finden 81 Prozent der Deutschen es entscheidend, ein „Wir-Gefühl“ zu entwickeln und das solle auch in Zukunft zu bleiben (84%). Aber nur 22 Prozent glauben daran, dass „Wir-Deutschland“ künftig Realität wird.

Beispiel Arbeit: Schon heute würden 55 Prozent arbeiten, auch wenn sie das Geld nicht brauchen. 57% wünschen sich solchen  Arbeitssinn auch von den Nachfolgern. Aber nur 16 % haben das Zutrauen, dass sich die kommenden Generation nicht auf die faule Haut legt, selbst wenn sie es könnte.

Die Studie „Vermächtnis“ befragte repräsentativ über 3.000 Deutsche im direkten Interview mit dem Ziel, das persönliche Welterleben zu erfahren. Was ist den Deutschen heute wichtig? Wie wollen sie in Zukunft leben? Was glauben Sie, wird sich unsere Gesellschaft tatsächlich entwickeln?

Grundsätzlich finden die Forscher, was im Hier und jetzt alle Menschen im Alter von 14 bis 80 Jahren verbindet, ist der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Nähe, nach einem Wir-Gefühl. Dazu kommt der Wunsch nach Erwerbstätigkeit, die dabei für einen sicheren Arbeitsplatz und Sinn steht, nicht notwendigerweise für eine Karriere mit sozialem Aufstieg. Ebenso der Wunsch nach Gesundheit, die Lust am Leben und das Recht auf einen würdevollen Tod.

Uneinig sind sich die Deutschen in anderen Lebensbereichen. Eine Familie und Kinder haben zu wollen ist viel strittiger als die Erwerbsarbeit. Besitz und Vermögen zu mehren treibt nur wenige  richtig an. Auch Entscheidungen aus Liebe zu treffen oder das Verbleiben in einer Partnerschaft allein der Kinder wegen ist bei vielen „out“, aber nicht bei allen. Und die Religion hat einen so niedrigen Stellenwert, dass sie als Band zwischen den Menschen kaum noch taugt. Das Antwortverhalten ist auch Einkommens- und Bildungsabhängig.

Die normativen Vorstellungen der Deutschen spiegeln diese Wünsche: das Leben in der Gemeinschaft, Erwerbstätigkeit, ein gutes  Leben. Weitere stark verbreitete Normen kommen hinzu: die Wichtigkeit, etwas Neues zu beginnen, die  Notwendigkeit, auf die Nahrungsmittelproduktion zu achten und die Technik zu verstehen. Frauen haben aber andere Normen als Männer bei Liebe und Partnerschaft; junge Menschen haben andere Normen als ältere Menschen bei den Themen Technik-Akzeptanz, Internet und technische Hilfsmittel. Menschen mit geringer Bildung haben andere normative Vorstellungen als gut Gebildete, wenn es um Gesundheit und Ernährung geht. Im Vergleich zum Hier und Jetzt des täglichen Lebens sind die normativen Vorstellungen aber viel weniger variantenreich. Sie sind der Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft heute.

Was die Zukunft betrifft: Die Deutschen sind sehr selbstkritisch. „Ja, ich lebe so, tue dies oder jenes. Aber meine Einstellungen und Verhaltensweisen in die Zukunft weitergeben – das möchte ich nicht.“ Die faktische Arbeitsteilung im Haushalt, der Informationsstand über Politik und Kultur, das Achten auf die Nahrungsmittelproduktion sind dafür einige Beispiele. In diesen und anderen Bereichen wollen die Deutschen laut der Studie „bessere Menschen“ werden. Bewahren wollen sie dagegen ihre Einstellungen und Verhaltensweisen in den Bereichen Nähe und Gemeinschaft, Erwerbstätigkeit und Gesundheit. Die Befragten finden sich selbst in diesen Bereichen gut und wollen ihr Leben genau so weitergeben.

Die Studie offenbart Risiken. Denn der Wunsch, wie es sein soll, geht einher mit den Eigenerkenntnis, dass man es selbst nicht umsetzt und der Beobachtung, dass die anderen es auch nicht tun. Daraus extrahiert die Vermutung, die künftigen Generationen auch nicht anders sind. „Individuell haben die Menschen Anreize, nichts zu tun. Keinen Müll zu trennen, nicht wählen zu gehen, auf nachhaltige Nahrungsmittelproduktion nicht zu achten. Das alles wäre anstrengend, manchmal auch teuer. Dabei weiß jeder sehr wohl, dass die eigenen Verhaltensweisen für die Gesellschaft alles andere als gut sind, der eigene individuelle Nutzen also kollektiven Schaden anrichten kann. Der Blick auf das Verhalten der anderen zeigt, dass sich die meisten so verhalten, wie man selbst es tut. Noch ein Anreiz mehr, bei seinem Verhalten zu bleiben, auch wenn man sich durchaus selbstkritisch hinterfragt. Man resigniert und kapituliert. Und die Gesellschaft verharrt in einem Zustand, der ihr schadet“, schreiben die Forscher.

Um diesen Stillstand aufzubrechen, fordern sie ein gezieltes Handeln der Polititk, um die projezierten Gesellschaftsbilder auch tatsächlich zu erreichen. „Deutschland braucht Interventionen, Anreize, Sanktionen. Alleine werden es diese Menschen nicht schaffen, in einer Welt zu leben, die sie sich wünschen.“

Vermächtnisstudie

 

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