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| Thomas Druyens Plädoyer für zukunftsgerichtetes Handeln

Demografischer Wandel ist „riesiges, systemisches Vakuum“

Demografischer Wandel ist „riesiges, systemisches Vakuum“

Die Bevölkerung hat die umfassende Bedeutung des demografischen Wandels noch gar nicht verstanden. Sie will ihn auch nicht verstehen, schreibt Thomas Druyen in seinem sehr lesenswerten Eigenbeitrag auf Spiegel Online. Am mangelnden Datenmaterial und fehlender wissenschaftlichen Expertise liege es jedenfalls nicht. Alle schliessen lieber die Augen.

Der Soziolge und Direktor des Instituts für vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie sowie des Institutes für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien fährt schweres Geschütz auf: „Wir finden zur demografischen Entwicklung seit Jahrzehnten keine ganzheitliche Einstellung, weil wir bislang größte Schwierigkeiten haben, uns die Zukunft vorzustellen, ganz zu schweigen von der Unfähigkeit, sie in unserem Handeln zu berücksichtigen.“

Beispiel: Die Altersrente wurde 1889 eingeführt und bezog sich damals auf nur wenige Lebensjahre. Mittlerweile sind daraus mehrere Jahrzehnte Absicherungszeit geworden. Doch das Verfahren wurde im Prinzip nicht verändert. Bereits 1932 hätten Prognosen die anstehende Altersproblematik für 1980 korrekt vorrausgesagt. Passiert sei dennoch nichts. „Die Rentenreform 1957 oder die 1995 beginnende Pflegeversicherung und viele Zäsuren inklusive Norbert Blüms Diktum von der „sicheren Rente“ sowie der aktuellen abschlagsfreien Rente mit 63 Jahren sind Monumente der Verdrängung und der Paradoxie.“

Hintergrund ist unsere aller Unfähigkeit, die notwendigen längerfristigen und eben auch radikalen Änderungen einzuleiten. Wir haben Probleme, uns die Zukunft vorzustellen, können diese daher auch nicht in unser Handeln umsetzen. Stattdessen verweigern wir die Erkenntnis und agieren weiter kurzfristig. Druyen: „In Verbindung mit der allseits praktizierten Kurzfristigkeitsorientierung ist über Jahrzehnte ein riesiges, systemisches Vakuum entstanden, das psychologisch, politisch und gesellschaftlich aufrechterhalten wird.“

Die Folge: Entsprechen besitzen wir auch keine positive Zukunftsvision, kein neues Bild vom „Altern“. Stattdessen ergehen wir uns in Risikoszenarien und Angstbildern, befürchten Altersarmut und Generationenkrieg. Und das, obwohl wir eine Gesellschaft sind, die länger, gesünder, selbstbestimmter, sicherer lebt als alle ihre Vorgänger. Druyen: „Man könnte sagen, der demografische Wandel wird systematisch in der Schwebe gehalten, um politisch, unternehmerisch und interessenspezifisch die jeweils vorteilhafteste kurzsichtige Lösung in Anspruch zu nehmen – und auch, um sich nicht mit dem riesigen und unpopulären Umbau unseres Sozialsystems auseinandersetzen zu müssen.“

Druyen fordert „das Alter und Altern konkret vom Ende her zu denken“. Jetzt zu handeln, nicht zu warten.

Er steht nicht allein: Erst im Dezember plädierte Andreas Kruse, Direktor des Heidelberger Institutes für Gerontologie, im Zeitwert-Magazin für ein neues Verständnis von Altern.

SpON_Thomas Druyen

DW: Kruse_Neues Bild vom Altern

 

 

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