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| Dr. Andreas Knaut

Rentendebatte: zu viele Haltelinien, zu wenig Alternative

Rentendebatte: zu viele Haltelinien, zu wenig Alternative

Bundessozialministerin Andrea Nahles hat vergangene Woche eine „Haltelinie“ gezogen und prompt begann die Rentendebatte ihre neue Runde. Der sofort anstimmende Chor der Dissonanz hat bis heute nicht geendet – keine Sorge, er soll an dieser Stelle nicht verstärkt werden.

Hier sei vielmehr auf andere Meldungen aus der vergangenen Woche hingewiesen. Wir erfuhren, daß der Mensch physiologisch wenigstens bis zu 125 Jahre alt werden kann. Daß wir gute Chancen auf rund 20 Jahre Lebensverlängerung jenseits des Arbeitsalters haben. Daß Infektionskrankheiten zurück-, dafür aber Zivilisationskrankheiten zunehmen. Daß nicht mehr Mangel, sondern vielmehr Überfluss unser Problem ist – Rauchen und Adipositas lassen grüßen. Daß, wer älter werden will, gesund leben muss. Daß man aber wissen mußs, wie das geht und daß dafür entsprechende (Aus-)Bildung notwendig ist.

Wir erfuhren leider auch, daß der angestammten guten deutschen Rentendebatte solches Wurst ist. Politik und Profis blieben in der Comfort Zone ihrer Tabellen. Es ging und geht seit rund 130 Jahren im Grunde darum, dass eine Anzahl jüngerer Menschen so viel Geld bereitstellt, dass eine Anzahl älterer Menschen nach dem Job annehmbar über die Runden kommt. Und daß alle hoffen, daß die Anzahl Ersterer nicht zu gering wird.

Alles honorig, aber im Denkansatz immer noch dem Erfinder Bismarck geschuldet – was sein Werk nicht schmälern soll – und einem Gesellschafts- und Generationenverständnis, das aus dem 19. Jahrhundert stammt. Wir haben heute Arbeit 4.0 und Industrie 4.0, wir haben vierzig Jahre individuelle Erwerbsbiografien mit Homeoffice und Teilzeit und Work-Life-Balance. Aber unser Rentensystem entstammt einer Zeit, als Industrie 1.0 gerade erfunden wurde. Als man darunter Arbeiterscharen und Stahlwerke verstand, beide heute volkswirtschaftlich ziemlich marginalisiert.

Vielleicht sollte die Rentendebatte noch einmal von vorne anfangen. Vielleicht sollte sie sich an den modernen Erwerbsbiografien ihrer Betroffenen ausrichten. Vielleicht das Solidarprinzip durch ein individuelles Verantwortungsprinzip ergänzen. Wenn wir doch länger leben (wollen), warum nicht Belohnung für diejenigen, die gesünder leben und daher den Kosten ihres Lebensstiles für die Allgemeinheit erträglich halten? Warum nicht Anreize für jene, die Dienste an der Gemeinschaft leisten, etwa als soziales Jahr, oder sich in der familiären Vorsorge engagieren und damit die Gemeinschaft entlasten?

Rente, Gesundheit, Lebensstil sind heute längst verwoben. Ihre getrennte Betrachtung macht immer weniger Sinn – und ist schlicht zu teuer. Es wird Zeit, das der Staat, die Solidargemeinschaft, einmal Kassensturz macht. Was kann, will sie für den Einzahler leisten? Was aber kann/ muss auch dieser selbst tun, wo liegt seine Verantwortung? Letzteres kommt derzeit allzu kurz.

In der Tat gibt es heute hier und dort Ansätze – manch einer überlegt beispielsweise, wie man Kindererziehung oder Ehrenamt in Rentenanspruch übersetzen kann. Man muß nicht dieser Meinung sein, aber die Fragestellung geht in die richtige Richtung.

Nur, die aktuelle Rentendebatte negiert diese vollkommen. Wieder einmal wird der angekündigte „große Wurf“ daher nur ein kleiner Schlenker werden, bleibt Rente Rente und Gesundheit Gesundheit, Ehrenamt Ehrenamt und alle in ihren Kleingärten. Mit dem Ergebnis, dass wir weiter Hase und Igel spielen. Der Hase ist die Rentendebatte – und der Igel der demografische Wandel.

Der Ausgang des Rennens ist bekannt.

 

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